Neuer Frühling durch kirchliche Bewegungen

Wo ist die Vision des Konzils aus den Dokumenten heraus ins Leben übergegangen? Wo ist sie „Fleisch und Blut“ geworden? Wo wird christliches Leben „nach dem Gesetz des Heiligen Geistes“ gelebt, in Freude und Überzeugung, aus freier Wahl und nicht aus Zwang? Wo wird das Wort Gottes in höchsten Ehren gehalten, wo zeigen sich die Charismen, wo macht man sich am meisten Gedanken über die Neuevangelisierung und die Einheit der Christen? Cantalamessas Antwort auf all diese Fragen: in den kirchlichen Bewegungen, die sowohl Laien als auch Bischöfe, Priester und Ordensmänner und –frauen zu ihren Mitgliedern zählen. Sie alle zusammen seien „das Volk Gottes“, von dem im Konzilsdokument „Lumen Gentium“ die Rede sei:

„Johannes Paul II. sah in diesen Bewegungen und Pfarrgemeinden einen echten Frühling der Kirche. Auch Benedikt XVI. hat sich bei verschiedenen Gelegenheiten ähnlich geäußert. In der Chrisam-Messe am Gründonnerstag 2012 sagte der Papst: ,Wer auf die Geschichte der Nachkonzilszeit hinschaut, der kann die Dynamik der wahren Erneuerung erkennen, die in lebendigen Bewegungen oft unerwartete Gestalten angenommen hat und die unerschöpfliche Lebendigkeit der heiligen Kirche, die Anwesenheit und die Wirksamkeit des Heiligen Geistes geradezu greifbar werden lässt'“.

 

Cantalamessa plädierte in seiner Predigt für eine tiefere Deutung der Früchte des Konzils im Leben der Kirche. Die wichtigsten Folgen des Geschehens seien „vielleicht an ganz anderer Stelle zu suchen als dort, wohin wir unserer Blicke gerichtet haben“, so der Geistliche:

„Wir hatten unsere Augen auf die Veränderung der Strukturen und Institutionen gerichtet, auf die neue Verteilung der Machtverhältnisse, auf die in der Liturgie zu verwendende Sprache, und haben dabei gar nicht gemerkt, wie unbedeutend all diese Veränderungen im Vergleich zu dem sind, was der Heilige Geist da vorbereitete. Wir haben geglaubt, die alten Tonkrüge mit unseren eigenen Händen zerschlagen zu können, während Gott uns seine eigene Art vorführte, alte Tonkrüge zu erneuern: sie mit jungem Wein zu füllen.“

Im Blick auf das Wesen der Kirche habe das Konzil „eine Rückbesinnung auf ihre Anfänge, auf die Quellen der Bibel und der Patristik“ herbeiführen wollen, so Cantalamessa weiter. Vor diesem Hintergrund sei das Konzil als „Erneuerung in der Kontinuität“ zu deuten, wie es Kardinal Newman und die Päpste getan hätten. Denn trotz der Brüche, die durch bestimmte historische Entscheidungen entstanden seien – Cantalamessa nannte hier als Beispiele die Modernekritik von Pius IX. und das Drama des Holocaust – seien die Grundsätze und Wahrheiten des christlichen Glaubens nie in Frage gestellt gewesen. Der Glaube daran müsse zugleich die Grundlage jeder Anwendung der Dekrete des Zweiten Vatikanums sein, erinnerte Cantalamessa:
„Die ,Umsetzung‘ des Konzils darf also nicht durch eine wörtliche und fast automatische Einhaltung seiner Entschlüsse stattfinden, sondern ,in seinem Geiste‘, worunter wir den Heiligen Geist und nicht irgendeinen vage definierten und subjektiv formbaren ,Konzilgeist‘ verstehen müssen. Johannes Paul II. schrieb schon 1981: ,Das ganze Erneuerungswerk der Kirche, das das II. Vatikanische Konzil so providentiell vorgelegt und eingeleitet hat – eine Erneuerung, die ‚Aktualisierung‘ und zugleich Festigung dessen sein muss, was für die Sendung der Kirche von bleibender und konstitutiver Natur ist -, kann nur im Heiligen Geist verwirklicht werden, das heißt mit dem Beistand seines Lichtes und seiner Kraft'“.

(rv 14.12.2012 pr)

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