Franziskus und der Heilige Geist

Überdies verfasste er die Enzyklika „Divinum illud munus“ (9. Mai 1897), in der es heißt, dass der Heilige Geist die Seele der Kirche ist und seine Kraft die Kirche erhält und mehrt. Am 1. Januar 1901 nun rief Papst Leo XIII. mit dem bekannten Hymnus „Veni Creator Spiritus“ den Heiligen Geist im Namen der ganzen Kirche auf das beginnende 20. Jahrhundert herab.

Genau an diesem Tag erlebte eine 18-jährige protestantische Bibelschülerin in Topeka, USA, die sogenannte „Taufe im Heiligen Geist“ und infolge davon das Beten in anderen Sprachen (Glossolalie). Auch andere Mitschüler erlebten diese Geistausgießung. Dieses Ereignis wird allgemein als der Beginn der Pfingstkirchen angesehen. Der Papst betet um ein neues Kommen des Heiligen Geistes – und die Pfingstkirche entsteht. Humor Gottes? 1967, so die Historiker, beginnt dann die pfingstlich-charismatische Bewegung auch in der katholischen Kirche. 1975, beim ersten Weltkongress der katholischen Charismatischen Erneuerung in Rom bezeichnete Papst Paul VI diese als „eine Chance für die Kirche und die Welt“. 1998 sagte Papst Johannes Paul II, diese neue Bewegung sei ein Geschenk des Heiligen Geistes an unsere Zeit. Und zu Pfingsten 2006 kamen auf Einladung von Papst Benedikt XVI. über 400000 „Charismatiker“ auf dem Petersplatz in Rom zusammen.

Und wie hält es Papst Franziskus mit dem Heiligen Geist? „Das christliche Leben ist keine Collage einzelner Dinge: Es ist ein harmonisches Ganzes, das der Heilige Geist bewirkt. Er erneuert alles: Unser Herz, unser Leben, er lässt uns auf neue Weise und in einem anderen Stil leben – aber in einem Stil, der das ganze Leben bestimmt: Ein Teilzeitchristentum geht nicht, wir müssen Vollzeit-Christen sein! Diese Erneuerung bringt uns der Heilige Geist. Letztlich heißt Christsein nicht, Dinge zu tun, sondern sich vom Heiligen Geist erneuern zu lassen.“ (Rede von Papst Franziskus bei der Begegnung mit Seminaristen, Novizinnen und Novizen am 6. 7. 2013). „Der Heilige Geist macht die Kirche lebendig, leitet ihre Schritte. Ohne die Gegenwart und das unablässige Wirken des Heiligen Geistes könnte die Kirche nicht leben und nicht die Aufgabe erfüllen, die der auferstandene Jesus ihr anvertraut hat: zu allen Völkern zu gehen und alle Menschen zu seinen Jüngern zu machen. (…) Eine evangelisierende Kirche muss immer beim Gebet beginnen, beim Bitten um das Feuer des Heiligen Geistes“ (Generalaudienz vom22. 5. 2013). Und mit Johannes Paul II. betont Papst Franziskus: „Die Sicht des missionarischen Jüngers lebt … von der Kraft des Heiligen Geistes“ (Johannes Paul II., Motu proprio „Apostolos suos“).

Auch in seinem ersten apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ (EG) geht Papst Franziskus verschiedentlich auf das Wirken des Heiligen Geistes ein. In allen Getauften wirke die heiligende Kraft des Geistes, die zur Evangelisierung drängt (EG 119). Der Heilige Geist bereichere die ganze evangelisierende Kirche auch mit verschiedenen Charismen (EG 130). Der Heilige Geist, der auch das Wort der Schrift inspiriert habe, ist auch in denen am Werk, die das Evangelium verkünden und sich von ihm, dem Heiligen Geist, ergreifen und führen lassen. Er legt Worte in den Mund, die ein Mensch allein nicht finden könnte (EG 151, mit Bezug auf das Apostolische Schreiben von Paul VI. „Evangelii nuntiandi“). In jeder Situation verfüge der Heilige Geist über einen unendlichen Erfindungsreichtum. Er fände Mittel, um die Knoten der menschlichen Angelegenheiten zu lösen, einschließlich der kompliziertesten und undurchdringlichsten. Die Evangelisierung solle versuchen, mit diesem befreienden Wirken des Geistes zusammenzuarbeiten (EG 178). Im fünften Teil von „Evangelii gaudium“ mit dem Untertitel „Evangelisierende mit Geist“ heißt es: „Evangelisierende mit Geist sind Verkünder des Evangeliums, die sich ohne Furcht dem Handeln des Heiligen Geistes öffnen. (…) Der Heilige Geist verleiht außerdem die Kraft, die Neuheit des Evangeliums mit Freimut (parrhesia) zu verkünden. (…) Jesus sucht Verkünder des Evangeliums, welche die Botschaft nicht nur mit Worten verkündigen, sondern vor allem mit einem Leben, das in der Gegenwart Gottes verwandelt wurde“ (EG 259). Doch, so Papst Franziskus, keine Motivation zur Evangelisierung werde ausreichen, „wenn in den Herzen nicht das Feuer des Heiligen Geistes brennt“. (EG 261).

Darum „rufe ich einmal mehr den Heiligen Geist an; ich bitte ihn, zu kommen und die Kirche zu erneuern, aufzurütteln, anzutreiben, dass sie kühn aus sich herausgeht, um allen Völkern das Evangelium zu verkünden“. (EG 261) Auch in anderen Verlautbarungen wird die Sehnsucht nach einem „neuen Pfingsten“ ausgedrückt. In der Audienz für die Kardinäle am 15.3.2013 sprach Papst Franziskus von seiner „feste(n) Gewissheit“, dass der Heilige Geist mit „seinem mächtigen Wirken“ der Kirche Mut schenkt. Auch während der Begegnung mit den Bischöfen des Koordinations-Komitees des CELAM am 28. 7. 2013 in Rio de Janeiro wünschte er sich in Erinnerung an Aparecida ein neues Pfingsten für die Kirche.

Wie würde denn ein „neues Pfingsten“ im Jahr 2014 aussehen können? Eine einfache, vielleicht naive Frage, für deren Beantwortung die Apostelgeschichte zur Verfügung steht. Sie bezeugt für alle Zeiten das „Original“ des Pfingsterlebens. Und tatsächlich: In seiner Ansprache beim Regina Coeli auf dem Petersplatz (14.4.2013) ging Papst Franziskus anhand der Apostelgeschichte auf die Folgen der pfingstlichen Geistausgießung ein. Die Nachricht von Christi Auferstehung habe Jerusalem durch die Verkündigung der Apostel erfüllt. Daraufhin wurden sie inhaftiert und ihnen weiteres Lehren untersagt. Doch „wie konnten sie (die Jünger) (…) Jerusalem mit ihrer Lehre erfüllen? Es ist klar, dass allein die Gegenwart des auferstandenen Herrn, der mit ihnen war, und das Wirken des Heiligen Geistes diese Tatsache erklären können. (…) Wenn jemand Jesus Christus wahrhaft kennt und an ihn glaubt, macht er in seinem Leben die Erfahrung seiner Gegenwart und erfährt die Kraft seiner Auferstehung.“

So weit, so richtig. Doch von welcher „Erfahrung“ der Jünger Jesu wird denn in der Apostelgeschichte eigentlich berichtet? Es wird berichtet, mit welcher Vollmacht die Nachfolger Jesu wirkten: Hananias und Saphira, die Gott belogen hatten, starben aufgrund ihrer Entlarvung durch Petrus; da ist die Rede von furchteinflößenden Zeichen und Wundern der Apostel; Massen von Menschen kamen „und brachten Kranke und solche, die von unreinen Geistern geplagt waren; und alle wurden gesund“ (Apg 5, 16). Der „Erweis des Geistes und der Kraft“ ist es, der in Jesu Ankündigung des Pfingstereignisses das zentrale Merkmal der Evangelisations-Befähigung darstellt: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird und (dann) werdet ihr meine Zeugen sein.“ Und wie sich diese Kraft auswirkt, beschreibt die Apostelgeschichte. Nicht nur durch Wortverkündigung, sondern eben durch „Zeichen und Wunder“, durch übernatürlich gewirkte Heilungen und Dämonenaustreibungen. Alle cessationistischen Einwände (Zeichen und Wunder nur bei den Aposteln und in der Urchristenheit) können die Tatsachen nicht entkräften. Immer, und dies bezeugt die gesamte Kirchengeschichte, ist vollmächtige Evangelisation mit Kraftwirkungen des Heiligen Geistes verbunden gewesen.

Wo aber zeigen sich heute diese Kraftwirkungen? Sie sind, leider muss man es feststellen, dünn gesät. Warum eigentlich? Hat jemand Angst vor dem Heiligen Geist? Brauchen wir keine Zeichen und Wunder mehr? Jesus hat sie gebraucht, allen seinen Jüngern sind sie verheißen (Joh. 14, 12).

Joseph Ratzinger, nachmals Papst Benedikt XVI., hat in seiner Habilitationsschrift die franziskanische Verkündigung (die des Franziskus von Assisi) so zusammengefasst: Die Gläubigen sollten „die Beweise für ihren Glauben nicht aus der Vernunft, sondern aus der Schrift und den Wunderzeichen schöpfen“. Doch auch Papst Franziskus konzediert in seiner Enzyklika „Lumen fidei“, dass „der Glaube auch mit dem Sehen verbunden (ist). Manchmal geht das Sehen der Zeichen Jesu dem Glauben voraus, wie bei den Juden, die nach der Auferweckung des Lazarus, ,als sie gesehen hatten, was Jesus getan hatte, zum Glauben an ihn kamen‘ (Joh 11, 45)“ (LF,30).

Ja, es braucht Mut, sich dem, was Gott neu, ungewohnt tut, anzuvertrauen. In seiner Pfingstpredigt auf dem Petersplatz (19. 5. 2013) bestätigte Papst Franziskus, dass „wir Angst (haben), Gott könne uns neue Wege gehen lassen, uns herausführen aus unserem oft begrenzten, geschlossenen, egoistischen Horizont, um uns für seine Horizonte zu öffnen… Sind wir offen für die Überraschungen Gottes? Oder verschließen wir uns ängstlich vor der Neuheit des Heiligen Geistes?“ „Ohne Beschränkungen und Ängste“ solle evangelisiert werden (EG 33). Denn „Christus kann auch die langweiligen Schablonen durchbrechen, in denen wir uns anmaßen, ihn gefangen zu halten, und überrascht uns mit seiner beständigen göttlichen Kreativität“ (EG 11).
Denn wenn Menschen „in der Kirche nicht eine Spiritualität finden, die sie heilt, sie befreit, sie mit Leben und Frieden erfüllt“ (EG 89) werden sie dorthin gehen, wo sie das Erhoffte tatsächlich finden, und wo auch die „gewöhnliche Seelsorge (…) vom Feuer des Heiligen Geistes belebt“ ist (EG 14). Es wäre an der Zeit, nicht nur die Charismatische Erneuerung in der katholischen Kirche zu loben – sie tue der Kirche sehr gut und sei „nützlich, um zu vermeiden, dass einige zu den pfingstlerischen Bekenntnissen übergehen“ (so Papst Franziskus auf der Pressekonferenz auf dem Rückflug aus Brasilien, 28. 7. 2013) – sondern, „das, was der Geist in den anderen gesät hat, nicht nur besser zu kennen, sondern vor allem auch besser anzuerkennen als ein Geschenk auch an uns“. So Kardinal Bergoglio zu Antonio Spadaro SJ über die ökumenischen Beziehungen. Schließlich, auch dies eine päpstliche Einsicht: „Wir (können) den Heiligen Geist nicht kontrollieren: das ist das Problem.“ (Pressekonferenz auf dem Rückflug von Brasilien).

Also möge der Heilige Geist wehen, wann, wo und wie er will. In der ganzen Kirche, in jedem Katholiken. So wie es die Schwester von Papst Franziskus, Maria Elena, über ihren Bruder sagt: „Ich hoffe, die Flamme des Heiligen Geistes erlischt nie in seinem Herzen.“

 

Erstveröffentlichung in: Die Tagespost (www.die-tagespost.de) Dienstag, 11. Februar 2014, Nr. 17

Verwendung des Artikel mit freundlicher Erlaubnis.

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