Auf die Freikirchen zugehen

 Und: „Diese neuen religiösen Bewegungen helfen uns, bestimmte Elemente, die wir vernachlässigt haben, wiederzuentdecken.“ Bei aller Dialogbereitschaft und Offenheit für verschiedene Formen innerhalb der Kirche ließ er aber auch keinen Zweifel daran, dass er wesentliche Vorteile der Großkirchen gegenüber kleineren Gruppierungen sieht.

„Evangelikale – Pfingstkirchen – Charismatiker. Neue religiöse Bewegungen als Herausforderung für die katholische Kirche“ lautete das Thema des Vortrags, zu dem die Katholische Erwachsenenbildung in der Stadt Erlangen eingeladen hatte. Als Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz beleuchtete Erzbischof Schick vorwiegend die globale Dimension der neuen Bewegungen und erläuterte die Ergebnisse von Studien, in deren Rahmen die Kommission die Situation in verschiedenen Ländern auf allen Kontinenten untersucht hatte. Demnach gehören weltweit etwa 400 Millionen Christen – 20 Prozent der Christenheit – diesen Bewegungen an, die vor allem in Afrika, Asien und Südamerika starken Zuwachs verzeichnen.

Für die traditionellen Großkirchen bedeutet das einen „eklatanten Schrumpfungsprozess“, so Erzbischof Schick, besonders in Lateinamerika, wo bereits 25% der Katholiken abgewandert sind. In Asien seien die Bewegungen bei den großen verfassten Kirchen geblieben. Ähnlich sei die Situation in Deutschland, Europa, und anderen Kontinenten: Christen gehören einer Großkirche an und engagieren sich gleichzeitig in einer der neuen Bewegungen. Schick sprach hier von „einer Art Doppelmitgliedschaft“. Zu unterscheiden seien grundsätzlich die Bewegungen in den verfassten Großkirchen, an deren Rand und außerhalb. Mit den ersten und zweiten Gruppierungen sei der Dialog möglich, mit Bewegungen der dritten Gruppe hingegen sehr schwierig, da diese die Großkirchen ablehnen. Ein Problem bei diesen Bewegungen außerhalb der Großkirchen sieht er darin, dass sie sich „in tausende Grüppchen und Kreise zersplittert haben“.

Demgegenüber erinnerte der Erzbischof an den Auftrag Jesu, dass alle eins sein sollen. Wenn sich die Christenheit in verschiedene Gruppen zersplittern lasse, werde sie dem Missionsauftrag nicht gerecht. Allerdings geht es Schick nicht um eine völlige Vereinheitlichung, sondern um Einheit in Verschiedenheit. Ziel sei es, in Pluralität die Kirche Jesu Christi zu bilden.
Die Kirche habe schon immer verschiedene Formen des Gottesdienstes entwickelt, in den Gemeinden, aber beispielsweise auch in den Klöstern. Deutlich sprach sich Erzbischof Schick allerdings gegen eine Nischenbildung aus, also dass eine Gruppierung sich abschottet und für sich Gottesdienst feiert: „Nicht Sparten, sondern verschiedene Formen, offen für alle, das wäre mir das Liebste“.

Bei den Gründen, weshalb sich Christen einer der neuen Bewegungen anschließen, spielen den genannten Studien zufolge kulturelle Aspekte – der Trend zur Individualisierung beispielsweise – ebenso eine Rolle wie wirtschaftliche Motive: „Vor allem in Lateinamerika wird von bestimmten Gruppierungen den Menschen versprochen, dass ihr Leben besser wird“, erläuterte Erzbischof Schick, man spricht hier von „Prosperity Theology“, zu deutsch Wohlstandstheologie..

Dann sind da noch die theologischen Gründe: „Viele haben gewechselt, weil sie religiös sehr sensibel und suchend sind“, sagte Schick. Und das, was sie suchen, hätten sie nicht in den Kirchen, sondern woanders gefunden. Daraus ergäben sich Fragen an die verfassten Kirchen wie zum Beispiel: „Entsprechen die Strukturen der Kirche heute den Vorgaben Jesu?“, „Gehen die Gottesdienste und Versammlungen wirklich zu Herzen oder sind es Rituale?“, „Ist die Communio, die Gemeinschaft, die Jesus gewollt hat, wirklich ausgeprägt?“ Schicks Fazit dazu: „Diese Fragen dürfen wir nicht einfach abtun.“ Vielmehr müssten sich die Kirche selbst fragen: „Was können wir tun, um den Wünschen die auch theologisch berechtigt sind, zu entsprechen?“ Etwa wenn es darum geht, Frauen ihren Platz einzuräumen oder regionale Aspekte zu berücksichtigen und gleichzeitig die Einheit zu wahren.

Umgekehrt habe aber auch die Kirche ihre Fragen an die Bewegungen außerhalb, etwa die nach der gesellschaftlichen Relevanz, globalen Strukturen und der Beachtung der ganzen Heiligen Schrift. Und bei aller Anerkennung dessen, was etwa Bewegungen in Lateinamerika an sozialer Unterstützung leisten, machte Erzbischof Schick deutlich, dass er die verfassten Kirchen im Vorteil sieht, auch weil sie weltweit tätig und vernetzt sind. „Die Großkirchen sind große Dampfer auf dem Meer, sie können vieles transportieren an Werten – Traditionelles, Gegenwärtiges und Zukunftsträchtiges – und auch viele Menschen.“ Kleine Boote dagegen seien zwar schnell und wendig, könnten aber nicht viel transportieren. Wenn es um die weltweite Aufgabe geht – hier nahm Schick die Ausbreitung des Reiches Gottes der Gerechtigkeit und des Friedens auf der ganzen Welt in den Blick – entfalten die großen, verfassten Kirchen die größere Wirksamkeit.

Text & Foto: Beate Dahinten

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