35 Jahre Charismatische Erneuerung in Ostdeutschland

celeipzig1Eigentlich hätten Traudel und Peter Fischer mit ihrem Leben zufrieden sein können: Ihre Ehe – 1963 hatten sie geheiratet – verlief glücklich. Dabei hatten sie am Anfang wegen der Konfessionsverschiedenheit – er katholisch, sie evangelisch – Bedenken. Peter Fischer arbeitete an der Bergakademie Freiberg. Er engagierte sich in der katholischen Gemeinde und hielt als Diakonatshelfer in den Außenstationen Wortgottesdienste. Doch Peter Fischer hatte ein Problem, das ihn in eine Krise führte: „Ich sprach von Gott wie von einer Sache. Ich predigte, als ob ich eine Vorlesung hielt. Mir fehlte die persönliche Gottesbeziehung.“ Dann geschah das, was er seine zweite Bekehrung nennt. Im Mai 1970 nahmen die Fischers an einem evangelischen, charismatisch geprägten Glaubenskurs teil und entdeckten Gott ganz neu. „Das veränderte unser Leben und unsere Ehe total.“ Die Fischers wurden zu prägenden Personen der Charismatischen Erneuerung im Osten Deutschlands, vor allem in der katholischen Kirche.

Die Charismatische Erneuerung ist eine geistliche Bewegung, die in den 1960er Jahren in verschiedenen Kirchen, so auch in der katholischen Kirche aufbrach. Viele, die dazu gehören oder mit ihr sympathisieren, haben in ihrer Biografie ein ähnliches Erlebnis gehabt wie Ehepaar Fischer. So der Geschäftsführer der Charismatischen Erneuerung in der katholischen Kirche in Deutschland, Karl Fischer, der diesen Moment als 17-Jähriger auf einer christlichen Jugendveranstaltung in Hof erlebt hat. „Dort habe ich einen neuen Anfang mit Gott gemacht“.

Als Merkmal der Bewegung nennt Karl Fischer das „Leben aus der Kraft des Heiligen Geistes“. Dazu gehöre eine lebendige, persönliche Gottesbeziehung, die Erfahrung der Kraft und des Wirkens des Heiligen Geistes und das Ernstnehmen der Geistesgaben, der Charismen – „auch der Gaben, die heute etwas in Vergessenheit geraten sind wie Prophetie, Heilung oder Glossolalie, das Sprachengebet“. Bei der Feier des Gottesdienstes steht der Lobpreis Gottes im Vordergrund – beim Singen der meist modernen Lieder oder beim freien Gebet. Charakteristisch ist dabei eine Gebetshaltung mit ausgebreiteten Armen. Laien spielen in der Charismatischen Bewegung eine wichtige Rolle – nicht nur in den Strukturen, sondern auch in der Verkündigung.
Wie viele Mitglieder die Charismatische Erneuerung in Deutschland hat, darüber gibt es keine genauen Zahlen. „Wir führen keine Statistik“, sagt Karl Fischer, denn es gibt auch keine formale Mitgliedschaftserklärung.

In Deutschland existieren zurzeit etwa 600 Gebetsgruppen und Hauskreise. Weltweit fühlen sich über 120 Millionen Katholiken der Bewegung zugehörig. Zum Treffen nach Leipzig, mit dem an die Anfänge im Osten Deutschlands vor 35 Jahren erinnert wurde, kamen etwa 70 Teilnehmer. Sie blickten zurück auf das Entstehen der ersten Gruppen in der katholischen Kirche Ende der 1970er Jahre, die DDR-weiten Treffen und die ökumenische Zusammenarbeit. Erinnert wurde auch an das Entstehen der charismatisch geprägten Philippus-Gemeinschaft 1987. Sie eröffnete damals mit Unterstützung des Erfurter Bischofs Joachim Wanke in Guthmannshausen ein Haus, in dem eine Gruppe zusammenlebt und Mitglieder darauf vorbereitet werden, im Dienst der Gemeinschaft unterwegs zu sein. Das Ehepaar Fischer war daran maßgeblich beteiligt.

celeipzig2Das Wort Erneuerung im Namen der Charismatischen Erneuerung bezieht sich nicht nur auf die Erneuerung der eigenen Gottesbeziehung. Die Mitglieder wollen auch ihren Beitrag in der Kirche vor Ort leisten. Zwar seien die charismatischen Gemeindeerneuerungen, in der ganze Pfarreien vom Geist dieser Spiritualität geprägt werden sollten, nicht aufgegangen oder eigene Sonntagsgottesdienste für die Mitglieder Irrwege gewesen. Doch: „Wir wollen uns mit unseren Kräften in das Gemeindeleben und in die Gesellschaft einbringen. Dabei leben wir unsere Berufung in Wertschätzung anderer Berufungen“, sagt Thomas Mieth aus Freiberg, der in Leipzig zum Diözesansprecher für Dresden-Meißen gewählt wurde.

Dresdens Altbischof Joachim Reinelt rief die Teilnehmer des Leipziger Treffens auf, sich mit ihren Gaben weiter für die Neuevangelisierung zu engagieren. In der Predigt erinnerte er aber auch daran, „dass wir das Entscheidende – ,von Gott ergriffen sein‘ – nicht selbst produzieren können. Wir können nur suchen und anklopfen. Aber wir bekommen es geschenkt, manchmal an völlig unerwarteten Lebenspunkten irgendwann wird uns aufgetan.“

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