Die missionarische Wende

anglerWer in diesen Tagen von Mission spricht, steht immer unter einer Art Rechtfertigungsdruck. Mission – ist das nicht, was man mit indigenen Völkern Lateinamerikas im Namen der weltlichen Macht veranstaltet hat? Ist die 500jährige Mission Südamerikas - oder wie es in einigen Papieren noch schöner heißt, die 500 jährige Evangelisierung - nicht der bunte Zuckerguss auf einer über 500 Jahre andauernden Ausbeutungsgeschichte? Ist Mission nicht auch die von Karl dem Großen, im Bistum Aachen immerhin ein Heiliger, durchgeführte Schwertmission an den Sachsen? Wer zum christlichen Glauben übertrat, der durfte am Leben bleiben …

Der abschreckenden Beispiele gibt es noch einige mehr. Allen gemeinsam ist, dass sie tatsächlich nichts, aber auch gar nichts mit Mission zu tun haben, wann immer sie die Entscheidungsfreiheit des Menschen wegnehmen oder wenn es um Gewinnerzielung geht. Wenn wir heute von Mission sprechen, kann niemand ernsthaft behaupten, wir wünschen uns solche Zustände zurück oder wollen sie verharmlosen. Mission ist und bleibt Weitergabe des Glaubens. Deshalb schärft der Verweis auf krasse Fehlformen und Fehlentscheidungen dieses Anliegen – und macht es nicht überflüssig. Neben allem Jammern gibt es nämlich eine gegenläufige Tendenz: Gläubige entdecken ihre Verantwortung für die Mission. Wir erhalten die Gelegenheit, darauf hinzuweisen, was wir wirklich wollen. So will ich jetzt die vier Aspekte von Mission darstellen, die mir am wichtigsten sind.

Mission fragt nach meinem Glauben
Wir sind daran allzu sehr gewöhnt, dass alles gleich richtig und gleich wertvoll und letztlich gleichgültig ist. In Glaubensfragen gibt es kein wahr und falsch, jeder glaubt an etwas anderes – denn wir sind halt tolerant. Ist das nicht seltsam, dass jeder alles glauben darf, aber nach der Frage, wer der „beste Italiener“ der Stadt ist, wahre Glaubenskriege ausgefochten werden? Selbst für Lessing, der zum ersten Mal Toleranz definierte, war sonnenklar, dass für die Anhänger einer Religion diese Form der Abgeklärtheit nicht gilt. Natürlich sollen sie sich nicht untereinander bekriegen, dafür gibt es klare Regeln. Aber jede Religion kann nur funktionieren, wenn die Anhänger ganz subjektiv davon überzeugt sind, dass genau diese für sie am besten ist und sonst keine. Wenn nicht, sollte man den eigenen Glauben neu entdecken oder sich nach einem anderen Glauben umschauen. Deshalb verschreckt der Begriff Mission zum ersten Mal: Fühle ich mich denn in meinem Glauben so beheimatet, dass ich ihn ohne zu zögern für den besten halte? Oder fällt mir das im Zweifelsfall beim italienischen Restaurant leichter?

Mission ist das Glaubenszeugnis aller Getauften
Das Leben meines Glaubens kann mir keiner abnehmen. In dem Moment, wo ich wieder oder neu glaube, werde ich sowieso sichtbar für andere – und das hat Folgen. Wir suchen und erleben Charismen – das war und ist gut so. Dabei erleben manche jedoch ihren zweiten Schrecken: Das Glaubenszeugnis lässt sich nicht auf ein Charisma oder eine Begabung abwälzen. Alle sehen es, ob ich glaube oder nicht, nicht nur beim Charisma der Evangelisation. Alle können mir auf den Zahn fühlen- und es ist meine Aufgabe, Rechenschaft zu geben. Man hat in der Vergangenheit die Gabe der ausdrücklichen Evangelisation durchaus passend eine „Spezialrolle“ und das Glaubenszeugnis die „Universalaufgabe“ genannt. Ich kann auch gut mitgehen bei der Unterscheidung von „missionarischer“ Tätigkeit, die ausdrücklich dem Wortzeugnis verpflichtet ist, und der „missionalen“ Haltung. Diese weiß schon vor allen Worten darum, dass viele Menschen im Kontakt mit uns die einzige Gelegenheit haben, Glauben in irgendeiner Form zu erleben. Beides ist wichtig und soll nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Mission ist nicht „Mehr vom Gleichen“
Allen Gruppen, Pfarrgemeinden, Bewegungen sollten es wissen: Wer ein Herz für alle diejenigen entwickelt hat, die bisher nicht vorkommen, muss sich neue Angebote und Wege überlegen. Mehr vom Gleichen wird nicht funktionieren, weil genau das Bisherige die noch Außenstehenden nicht interessiert hat. Also ist die Hinwendung zur Mission die Chance, alte Anliegen neu auszusagen. Mission fördert Phantasie und Kreativität. Ich finde es wunderbar, wie zum Beispiel auf dem Jump 2018, wo ich mich gerade aufhalte, eine solche Bandbreite an Begabungen und Charismen freigesetzt werden, die wir sonst niemals erleben würden. Mission ist also ein kräftiges Lebenszeichen aller derer, die den Glauben leben wollen. Und damit ich auch richtig verstanden werde: Der Schatz, aus denen unser Glauben lebt, der Schatz, der uns zu Mission motiviert, den sollen wir nicht aufgeben – aber wir dürfen einen neuen Anfahrtsweg ermöglichen.

Mission ist nicht Sache eines einzigen Flügels in der katholischen Kirche
Das „Mission Manifest“, das auch von der Charismatischen Erneuerung unterschrieben wurde, hat viele glühende Befürworter, aber auch etliche Skeptiker, die ihre Meinung weniger laut, aber sehr distanziert und etwas peinlich berührt vortragen. Demnach sind die aufgeworfenen Thesen einfach nur Ausdruck eines charismatischen oder konservativen Kirchenverständnisses und das war’s. Ich setze dagegen: Mission hat rein gar nichts mit einem „konservativen“ oder „progressiven“ Kirchenverständnis zu tun. Darum bitte ich, dass sich die Kritiker nicht nur mit den Personen, sondern auch mit den Fragen des Manifests auseinandersetzen: Was heißt es, zum Glauben zu kommen? Ist das dann noch der alte, abgeklärte Glauben oder hat er eine neue Dynamik gefunden? Wenn ich alles meiner Umgebung verständlich und einsichtig machen will, warum wir dies oder das glauben und dass wir natürlich auch nicht dumm sind, habe ich sicherlich Toleranz geweckt - aber ein Glaubensakt war nicht dabei. Es geht mir nicht um Rechthaberei oder Uniformität, es können immer verschiedene Antworten auf diese Fragen gegeben werden. Aber diesen Fragen müssen sich alle stellen.

Martin Birkenhauer ist Schulpfarrer in Saarbrücken und leitet den Theologischen Ausschuss der CE.

 

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