Macht euch auf Prüfungen gefasst, aber auch auf Gottes Herrlichkeit!

petersdomBruce Yocum, ein Pionier der Charismatischen Erneuerung in der Katholischen Kirche seit ihrem Anfang, war auch eine Schlüsselfigur bei der bekannten Internationalen CE-Konferenz 1975 im Petersdom in Rom. Er reflektiert hier über prophetische Worte, die damals gegeben wurden, und wie sie mit einer Prognose übereinstimmen, die einige Jahre zuvor von Professor Joseph Ratzinger - Papst Benedikt XVI. - gegeben wurde.

 


"So scheint mir gewiss zu sein, dass für die Kirche sehr schwere Zeiten bevorstehen. Ihre eigentliche Krise hat kaum begonnen. Man muss mit erheblichen Erschütterungen rechnen."(1)

Ob Joseph Ratzinger für diese Worte eine prophetische Eingebung hatte, als er sie 1969 niederschrieb, oder ob er sie nur als eine Prognose ansah, weiß ich nicht. Meine Vermutung ist, dass er eine Prognose anstellen wollte, aber er war von seiner Vorhersage überzeugt, und er gründet sie auf solide soziologische und theologische Fakten. Er sagt: „Man kann vorhersagen, dass dies alles Zeit brauchen wird" und „dass die großen Worte derer, die uns eine Kirche ohne Gott und ohne Glauben prophezeien, leeres Gerede sind".
Was immer der Theologe Joseph Ratzinger damals zu tun glaubte, ich glaube, wir können mit Überzeugung sagen, dass seine Worte prophetisch waren.

Einige Jahre danach hatte die Katholische Charismatische Erneuerung, ein rasch wachsendes Phänomen in der Kirche, eine große Konferenz in Rom. Der überraschende Höhepunkt der Konferenz war die Ansprache von Papst Paul VI. nach der Feier des Abschlussgottesdienstes am Montag, den 19. Mai 1975 im Petersdom. Die Ansprache des Papstes signalisierte eine vorsichtige aber ehrliche Anerkennung der charismatischen Erneuerung von Seiten der höchsten kirchlichen Autorität. Dass dieses Phänomen in der Kirche eine solche Anerkennung schon acht Jahre nach ihrem Entstehen erfahren sollte, war bemerkenswert.

 


Die Erlaubnis, prophetische Gaben bei der Messe mit dem Papst auszuüben

Die Eucharistiefeier, die der Abschlussansprache von Paul VI. vorausging, bot ebenfalls einige Überraschungen. Kardinal Suenens zelebrierte diese am päpstlichen Altar über dem Grab von St. Peter - eine Ausnahme! - und es waren mehr als 10.000 Konferenzteilnehmer anwesend. Es war nicht nur eine typisch laute und enthusiastische charismatische Versammlung, sondern man gab uns die Erlaubnis, nach der Kommunion eine Zeit für prophetische Gaben zu haben. Die Zeit nach der Kommunion - oder besser, noch während die Kommunion ausgeteilt wurde - war ein bisschen chaotisch. Paulus schreibt in seinem Brief an die Korinther, sie sollten alles in ihrer Versammlung „anständig und ordentlich" tun, aber mit zehntausend begeisterten Charismatikern war die Frage der Ordnung eine ziemliche Herausforderung. Darüber hinaus versagte die Mikrofonanlage genau in dem Augenblick, als man sie gebraucht hätte. Eine schnelle Überprüfung ergab, dass nur das Mikrofon am Altar noch funktionierte.

Ralph Martin und Bruce Yocum geben eine Prophetie vom Altar aus

Genau in dem Augenblick sagte Ralph Martin zu mir, er habe den Eindruck, er hätte ein drängendes prophetisches Wort. Es gab anscheinend keine Alternative, also sagte ich ihm, er solle das Mikrofon am päpstlichen Altar benutzen. Und daher bekam seine Prophetie einen etwas dramatischen Charakter. Was er sagte, war nicht weniger dramatisch.

„Weil ich euch liebe, möchte ich euch zeigen, was ich in dieser Welt tue. Ich möchte euch vorbereiten auf das, was kommen wird. Tage der Finsternis kommen über diese Welt, Tage der Drangsal. ... Bauten, die jetzt stehen, werden nicht bestehen bleiben. Stützen, die für mein Volk da sind, werden nicht mehr da sein. Ich möchte, dass ihr vorbereitet seid, mein Volk, dass ihr nur mich kennt und euch fest an mich haltet und mich in einer noch tieferen Weise kennt als je zuvor. Ich werde euch in die Wüste führen. ... Ich werde euch alles nehmen, worauf ihr euch jetzt verlasst, so dass ihr euch nur mehr auf mich verlasst. Eine Zeit der Finsternis kommt über diese Welt, aber eine Zeit der Herrlichkeit für meine Kirche, eine Zeit der Herrlichkeit für mein Volk. Ich werde alle Gaben meines Geistes auf mein Volk ausgießen. Ich werde euch für einen geistlichen Kampf vorbereiten, ich werde euch für eine Zeit der Evangelisation vorbereiten, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat."

Das kleine Chaos, das sich am Altar abspielte, hinderte mich daran, das zu hören, was Ralph sagte. Aber ich fühlte mich genauso wie Ralph stark dazu gedrängt, eine Prophetie zu sprechen. Sobald Ralph geendet hatte, ging ich zum Mikrophon und sprach folgende Prophetie:

"Ich rede zu euch von der Morgendämmerung eines neuen Zeitalters für meine Kirche. Ich rede zu euch von Tagen, die ihr nie zuvor gesehen habt. Bereitet euch vor für das, was ich jetzt beginne, denn die Dinge um euch, die ihr seht, werden sich ändern; der Kampf, in den ihr eintreten müsst, ist anders, er ist neu. Ihr braucht Weisheit von mir, die ihr noch nicht habt. Öffnet eure Augen, öffnet eure Herzen, um euch für mich vorzubereiten und für den Tag, den ich jetzt begonnen habe. Meine Kirche wird anders sein, mein Volk wird anders sein, Schwierigkeiten und Versuchungen werden über euch kommen. Der Trost, den ihr jetzt noch kennt, wird weit weg sein von euch, aber der Trost, den ihr haben werdet, ist der Trost meines Heiligen Geistes. Sie werden nach euch ausschauen, euch nach dem Leben trachten, aber ich werde euch stützen. Kommt zu mir. Verbindet euch, um mich. Bereitet euch vor, denn ich verkündige einen neuen Tag, einen Tag des Sieges und des Triumphs für euren Gott. Wahrlich, er hat schon begonnen."

In den Jahren, die auf die Konferenz 1975 folgten, wurden diese Prophetien viel diskutiert. „Tage der Finsternis" und „schwere Zeiten" wurden zu einem gebräuchlichen Ausdruck in den Gesprächen darüber, was der Herr sagt und was er in der Kirche und in der Welt tut.

Was bedeutet „Tage der Finsternis" und „schwere Zeiten"?

Diese prophetischen Worte wurden nicht überall angenommen. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Kaplan der Universität Dublin, kurz vor der charismatischen Konferenz 1978 dort. Er sprudelte nur so vor Zuversicht über die Zukunft der Kirche in Irland.
„Unsere Gottesdienste sind voll junger Leute, und viele von ihnen engagieren sich begeistert in den Pfarreien". „Aber meinen sie nicht" fragte ich, „dass es Anzeichen gibt, dass es so nicht weitergehen wird? In manchen Ländern - Frankreich, Belgien, die USA - gab es einen massiven Rückgang in den letzten Jahren, und es gibt nur wenig Anzeichen für irgendeine Verbesserung." „Vielleicht in diesen Ländern, ja. Aber hier in Irland ist der Glaube noch fest, und ich sehe keinen Grund dafür zu glauben, dass wir solch einen Rückgang erleben werden."
Zwanzig Jahre später kam derselbe Priester bei einer anderen Konferenz auf mich zu und sagte mir, dass er sich noch an unsere frühere Unterhaltung erinnern könne. Die kurz davor geschehenen - und für ihn schockierenden - Veränderungen in der Kirche in Irland hatten seine Augen geöffnet. „Vielleicht war das jetzt nur mehr eine Veränderung im äußeren Erscheinungsbild der Kirche; der innere Zustand hat sich schon lange geändert" wagte ich zu sagen. Wahrscheinlich hatte dieser Priester nie die Worte von Ratzinger gehört, oder wenn, dann hätte er gesagt, sie treffen auf andere Länder zu - so wie die Prophetien von 1975. Aber wenn er genau hingehört hätte, wäre er gewarnt gewesen, denn Ratzinger sagte: „Man muss mit erheblichen Erschütterungen rechnen."

Ratzingers Vorhersage für die Kirche

Wir haben "erhebliche Erschütterungen" gesehen und werden ohne Zweifel noch mehr sehen. Ratzingers Beschreibung von dem, was bald geschehen würde, trifft in einer überraschenden Weise zu, und wenn wir sie ernst nehmen, hilft sie uns, das zu sehen, womit wir rechnen müssen, wenn die „Erschütterungen" so weiter gehen. „Die Kirche wird klein werden, weithin ganz von vorne anfangen müssen. Sie wird viele der Bauten gar nicht mehr füllen können, die in der Hochkonjunktur geschaffen wurden. Sie wird mit der Zahl ihrer Anhänger viele ihrer Privilegien in der Gesellschaft verlieren ... Sie wird als kleine Gemeinschaft sehr viel stärker die Initiative ihrer Mitglieder beanspruchen."

Dennoch wäre es falsch, wenn man die Vorhersagen von Joseph Ratzinger oder die Prophetien von 1975 als "pessimistisch" kennzeichnen würde. Zuallererst beschreibt Ratzinger einen Prozess, den die Kirche durchmachen muss, ein schwieriger Prozess, aber deshalb kein schlechter Prozess.

"Sie wird es mühsam haben, denn der Vorgang der Kristallisation und der Klärung wird ihr auch manche gute Kräfte kosten. Er wird sie arm machen, zu einer Kirche der Kleinen werden lassen ... Der Prozess wird lang und mühsam sein, so wie ja der Weg von den falschen Progressismen am Vorabend der Französischen Revolution, bei denen es auch für Bischöfe als schick galt, über Dogmen zu spotten und vielleicht sogar durchblicken zu lassen, dass man die Existenz Gottes für keineswegs sicher halte, bis zur Erneuerung des 19. Jahrhunderts sehr weit war. Aber nach der Prüfung dieser Trennungen wird aus der verinnerlichten und vereinfachten Kirche eine große Kraft strömen."

Diese Beschreibung des "Vorgangs der Kristallisation und Klärung" hat eine auffallende Ähnlichkeit mit den Prophetien von 1975. Es sind in der Tat warnende Worte, ein Aufruf, bereit zum Leiden zu sein, bereit zu sein, diesen Prozess auszuhalten. Aber der Prozess hat ein Ziel; es ist eine "Prüfung des Aussiebens", von Gott angestoßen, so dass „aus einer verinnerlichten und vereinfachten Kirche eine große Kraft strömen wird". Vor tausenden Jahren sprach der Herr zu Israel: „Was früher war, hatte ich schon längst im voraus verkündet, es kam aus meinem Mund, ich ließ es hören; plötzlich habe ich gehandelt, und es traf ein. ... Ich hatte ich es dir schon längst im Voraus verkündet; ich ließ es dich hören, bevor es geschah ... Du hast es gehört. Betrachte nun alles! Willst du es nicht andern verkünden?" (Jes 48,3-7)

Joseph Ratzinger - Papst Benedikt XVI - hat uns nicht nur eine Warnung gegeben, sondern auch beschrieben, was wir erwarten sollten. Wir brauchen nicht unvorbereitet zu sein, oder überrascht oder gar schockiert.

Macht euch auf Prüfungen gefasst, aber auch auf Gottes Herrlichkeit

070418 Benedikt2Und wir brauchen auch nicht entmutigt sein. Die Prophetien von 1975 sagen uns, dass wir uns vorbereiten sollen, nicht nur auf Prüfungen, sondern auch auf eine „Zeit der Herrlichkeit für meine Kirche, eine Zeit der Herrlichkeit für mein Volk. Ich werde alle Gaben meines Geistes auf mein Volk ausgießen. Ich werde euch ...für eine Zeit der Evangelisation vorbereiten, wie ihr sie noch nie gesehen habt".
Benedikt XVI. hat uns auch gesagt, dass er überzeugt ist, dass die Kirche nicht nur durch Prüfungen gehen wird, sondern dass diese Prüfungen die Kirche erneuern werden. „Aber ich bin auch ganz sicher darüber, was am Ende bleiben wird: Nicht die Kirche des politischen Kults, die schon ... gescheitert ist, sondern die Kirche des Glaubens. Sie wird wohl nie mehr in dem Maß die gesellschaftsbeherrschende Kraft sein, wie sie es bis vor Kurzem war. Aber sie wird von Neuem blühen und den Menschen als Heimat sichtbar werden, die ihnen Leben gibt und Hoffnung über den Tod hinaus."

 


(1) Josef Ratzinger, Glaube und Zukunft, Kösel Verlag, Neuausgabe 2007, S. 154. Das Buch ist die Mitschrift von fünf Radiopredigten zur Zukunft der Kirche aus dem Jahr 1969. Alle Ratzinger-Zitate im Artikel sind diesem Buch entnommen.

Erstabdruck in: Goodnews Nr. 22 / Nov 2012
Übersetzung: Bernhard Stock

 

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