Notre-Dame - ein prophetisches Zeichen?

notre dameNoch immer bewegen mich die Bilder, Nachrichten und die sich anschließenden Reaktionen aus der ganzen Welt im Blick auf die Brandkatastrophe von Paris zu Beginn der diesjährigen Karwoche. Eine brennende Kirche zu sehen, ist etwas Schreckliches. Weltweit wird berichtet, analysiert und philosophiert. Jeder spürt: hier geht es um mehr als nur um ein historisches Gebäude. Da stand mehr in Flammen als nur ein uralter Dachstuhl ...

Gott (!) sei Dank ist niemand ernsthaft zu Schaden gekommen. Es gibt „nur“ Sachschäden. Vieles konnte gerettet werden aufgrund von intensiven Löscharbeiten sowie dem mutigen Einsatz von Feuerwehrleuten im Innern der Kirche und dem beherztem Anpacken von Passanten. Dennoch: der eigentliche Schaden ist viel größer, der Schock sitzt tief.

Noch immer bewegt mich dieses Ereignis menschlich und emotional: Einerseits Trauer und Mitgefühl im Blick auf die Zerstörung, andererseits Freude über den Willen zum Wiederaufbau und die große Bereitschaft, Finanzen zum Wiederaufbau zur Verfügung zu stellen.

Aber zunehmend werde ich in anderer Hinsicht nachdenklicher. Mich bewegen Fragen, die sich mir aus geistlicher Perspektive in diesen Tagen aufdrängen: Die brennende Notre-Dame - ist das möglicherweise mehr als nur ein tragischer Betriebsunfall? Gibt es in dem Geschehen nicht auch geistliche Dimensionen, die es gilt, wahrzunehmen? Ein verborgenes Reden Gottes, das wir hören und sehen sollten?

Nach meinem Eindruck hat das Geschehen tiefere Dimensionen:

Es brennt unsere christlich-kulturelle Identität. Da brannte nicht irgendeine Kirche, sondern die berühmteste Kirche Frankreichs, zudem eine der herausragenden Kirchen in Europa und das alles in der Karwoche. Ein Gebäude, mit dem sich nicht nur sehr viele gläubige Franzosen sondern darüber hinaus die große Mehrheit der Agnostiker, Zweifler und Atheisten der „grande nation“ irgendwie dann doch identifizieren. Betroffen ist jenes Land, in dem die Aufklärung ihren Weg nahm und das mit seiner Revolution 1789 ganz Europa veränderte.

Es geht bei diesem Brand um Europa. Nicht irgendwo, sondern in Paris ging ein zentrales Symbol in Flammen auf. Paris spielt seit jeher eine große, geschichtsträchtige und bedeutsame Rolle in und für Europa. Es brennt in einer der wichtigsten europäischen Hauptstädte.

notre dame

Die Kathedrale Notre-Dame steht zeichenhaft für die alte Kirche in Europa. Es brannte keine moderne sondern eine – für europäische Verhältnisse – uralte Kirche. Es traf auch nicht irgendein altes kirchliches Gebäude sondern die erste gotische Kirche überhaupt auf europäischem Boden. In Frankreich wurde die Gotik erfunden und von dort breitete sie sich weltweit aus. Mit der Gotik begann eine neue Phase des Mittelalters, eine uralte Welt, die bis weit in unsere Gegenwart hinein reicht. Bei der Gestalt der Kathedrale geht es um den „Grundriss des Abendlandes“ (DIE WELT, 17.4.2019). Und der steht in Gefahr. Uralte Werte stehen in Gefahr. Werte, die in unserer Zeit vergessen, vernachlässigt, ignoriert oder bewusst abgeschafft werden. Profis versuchen zu löschen und zu retten. Im Herzen getroffene Menschen halten mit Tränen in den Augen aus und singen Lieder, wollen nicht weichen von dem brennenden Gebäude, fast so, als müssten sie der alten Dame beistehen, damit sie diese Krise überlebt. Katastrophentouristen sind auch vor Ort. Sie stehen am Rande und posten ihre Smartphone-Bilder im Netz.

(Quelle Skizze: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Notre_Dame_V1svg.svg)

Das apostolische Evangelium jedoch hat den Brand unbeschadet überstanden. Aus meiner Sicht gibt es im eigentlichen Sinne des Wortes ein (be)merkenswertes Detail: Wenige Tage zuvor wurden 16 Kupferfiguren des 19. Jh.‘s zwecks Restaurierungsarbeiten professionell vom Dach geholt und eingelagert. Was viele Kommentatoren als „glücklichen Zufall“ beschreiben, darin erkenne ich eine verborgen-souveräne Handschrift Gottes im Chaos eines Infernos. Es wurden nicht irgendwelche Figuren vom Dach geholt, sondern ausgerechnet die zwölf Apostel und die vier Evangelisten. Ausgerechnet diese Figuren wurden komplett (!) gerettet. Was bleibt, sind am Ende nicht Gebäude, Steine, Konstruktionen und Kunstwerke, sondern das ewige Wort Gottes. Jesus sagt im Anblick von Jerusalem: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen“ (Mt 24, 35). Nein, die rechtzeitige Sicherung dieser Figuren ist kein Zufall.

Und noch etwas überstand geradezu übernatürlich den Brand: Das goldene Altarkreuz blieb trotz herabstürzender Trümmer stehen. Sehr gut ist es auf den Innenaufnahmen zu sehen, wie es zwischen verkohlten Balken und Rauschwaden leuchtet

(https://www.welt.de/vermischtes/plus192014351/Brand-in-Paris-Was-Notre-Dames-Erbauer-richtig-gemacht-haben.html#cs-France-Notre-Dame-Fire.jpg).

Die Kirche wird wieder aufgebaut. Eine Stadt, die zerrissen war, rückt wieder zusammen. Noch in derselben Nacht war klar, dass sehr viele Menschen wollen, dass die Kirche möglichst bald wieder hergerichtet werden soll – koste es, was es wolle. Sie ist es uns wert. Denn: es geht um mehr als nur ein berühmtes Gebäude. Es geht um unsere Identität. Menschen, Länder, Nationen, Europa – wir spüren neu, dass wir einen Transzendenzbezug brauchen, eine innere Mitte, ein uns vorgegebenes, tragendes Wertesystem. Wir brauchen heilige Orte der Begegnung mit dem Dreieinigen Gott. Wenn dieser Platz der Transzendenz im Herzen und im Geist leer bleibt, dann ist es um uns geschehen. Dann ist alles erlaubt. Dann gilt das Recht des Stärkeren.

Sich den Fragen stellen. Interessant ist für mich, wie dieser Aspekt von zahlreichen Kommentatoren und Journalisten in den letzten Tagen ausführlich behandelt wurde. Stellen wir uns doch einmal unsere Städte und Dörfer vor ohne Kirchen an den zentralen Plätzen vor. Stellen wir uns vor, wie plötzlich Leerstellen entstehen und der Glanz ihrer majestätischen Architektur in unserer Mitte fehlt. Es würde der Nimbus, die Orientierung und die Korrektur des Ewigen in unserer Alltagstrivialität fehlen. Kirchen sind aufeinander gemauerte Steine, die selbst in gottferner Zeit immer noch reden.

Ich hoffe sehr, dass wir uns jetzt genügend Zeit nehmen, die Trauer und den Schock auszuhalten und nicht allzu schnell zur geschäftigen Tagesordnung übergehen. So wunderbar und wichtig es ist, dass viele Menschen große und kleine Summen geben werden, die den Wiederaufbau ermöglichen werden, dass in Frankreich, Europa und weltweit Menschen zusammen stehen und mithelfen wollen, so wichtig wäre es jetzt, zunächst inne zu halten und sich den Fragen zu stellen, die jenes Feuer vom 15. April möglicherweise grundsätzlich aufwirft:

Könnte in dem allen nicht auch ein Reden Gottes verborgen sein? Wenn ja, was ist die Botschaft? Und was sind unsere Antworten auf dieses mögliche Reden Gottes?

 

dobersDer Autor des Artikels ist Pfarrer Henning Dobers aus Hann. Münden. Er isr  der 1. Vorsitzende der Geistlichen Gemeindeerneuerung in der Evangelischen Kirche

 

Anmerkung:

Ein bemerkenswerter Kommentar zum Brand von Notre Dame, der Ähnliches zum Ausdruck bringt, war auch in der BILD-Zeitung zu lesen:

https://www.bild.de/news/ausland/news-ausland/bild-kommentar-zu-notre-dame-warum-mehr-brannte-als-nur-ein-gebaeude-61291560.bild.html

 

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