Seht, ich mache alles neu (Offb 21, 1-5)

Offb 21, 1-5: „Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr. Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu. 

Damit Neues wachsen kann, muss Altes vergehen. Davon spricht die Offenbarung des Johannes. Selten vergeht das Alte widerstandslos, meistens eher unter heftiger Gegenwehr derer, die am Alten hängen. Noch einmal die alten Lieder singen, noch einmal die alten Gesetze revitalisieren, alte Grenzen dicht machen, Fremdes und Neuartiges abwehren, die ollen Kamellen aus der Klamottenkiste der Geschichte holen und zum Maß aller Dinge erklären. Das Ganze notfalls mit harten Bandagen und Waffengewalt verteidigen.
Zeitenumbrüche werden oft von konservativen Reaktionen begleitet. Es ist das letzte Sich-Aufblähen einer untergehenden Sonne, ehe sie als Supernova explodiert oder als Schwarzes Loch in sich zusammenfällt, wobei sie Vieles mit sich in der Untergang reißt. Von nichts anderem handeln die apokalyptischen Bilder, die der Seher Johannes in eindrucksvollen Farben schildert. Das könnte einem schon Angst einjagen, wäre da nicht die neue Zeit, die am Horizont der Geschichte aufscheint: eine neue Schöpfung aus Gottes Hand.
Ein Wort Jesu fällt mir dazu ein: „Auch füllt niemand jungen Wein in alte Schläuche. Sonst zerreißt der Wein die Schläuche; der Wein ist verloren und die Schläuche sind unbrauchbar. Junger Wein gehört in neue Schläuche.“ (Mk 2, 22) Nun ist der junge Wein, den Jesus kredenzt, auch schon 2000 Jahre alt, und, wie ich meine, noch viel älter. Das Evangelium, das Jesus verkündet und verkörpert, ist älter als die Welt. Es ist ewig, transzendent zu Raum und Zeit. Immer neu bricht es ein in die alte Zeit, die durch die Selbstmitteilung Gottes erneuert wird.
Auch das Neue fällt nicht unvermittelt vom Himmel, um von allen mit freudiger Überraschung begrüßt zu werden. Neues wird geboren: nach langer, vielleicht mühevoller Schwangerschaft, unter Schmerzen im Angesicht des Todes, pflegebedürftig. Jede Frau, die einmal geboren hat, weiß das. Doch wenn sie das Kindchen nach einer vielleicht schweren Geburt in ihren Armen hält, sind alle Schmerzen und Ängste vergessen. Sie empfindet nur noch tiefe euphorische Freude und große Erleichterung.
Wenn unsere Zeit auch apokalyptische Züge trägt – und welche Zeit tut das nicht? – so sollten wir uns doch nicht erschrecken lassen. Die Endzeitereignisse sind die Anzeichen einer neuen Zeit, die im Kommen ist, Anzeichen der Ewigkeit, die in unsere Zeit einbricht. Ewigkeit ist nicht etwas, das nach der Zeit kommt oder gar Fortsetzung der Zeit ohne Ende. Ewigkeit ist immer schon und immer noch und für immer und – ewig halt. Wer es schafft, die Zeit sein zu lassen, wie sie ist, sie anzunehmen, um sie loszulassen, ist bereit, die Ewigkeit zu empfangen. Solange wir einander bekämpfen und darauf beharren, Recht zu behalten, sind wir dazu nicht bereit, weil wir uns immer noch an die Zeit klammern, die sich bekanntlich dadurch auszeichnet, dass sie vergeht. Und sind wir mal ehrlich: Was sind schon die 80 oder 90 Jahre, die wir hier leben, gemessen an der Ewigkeit?
Wir können die Ewigkeit Gottes, die in die Zeit kommt, sichtbar machen in der Welt durch unser Leben und Handeln. Wir können ihr Hand und Fuß geben, sie Fleisch werden lassen. In aller Bescheidenheit, denn keiner von uns ist ewig und unsterblich und keiner von uns ist der Erlöser der Welt. Auch wir sind nur Kinder der Zeit und müssen uns selbst drangeben, um das Neue aus Gottes Hand empfangen und weitergeben zu können.
„Seht, ich mache alles neu!“, spricht Gott. „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“

Adelheid Bieberich